Thomas Hengstenberg Unna, den 10.11.2014
Mehmet Güler
Fasziniert von der Sprache des Bildes
Aus dem Buch „Im rausch der Farben“, 2014
Schon als Heranwachsender ist Mehmet Güler fasziniert von der Sprache des Bildes. Obwohl es für ihn in der Abgeschiedenheit seines anatolischen Heimatdorfes außer in den Schulbüchern kaum Möglichkeiten gibt, seinen Hunger nach Bildern zu stillen, und die Geheimnisse ihrer Entstehung zu entschlüsseln, beherrscht ihn der Wunsch nach einem Leben in größtmöglicher Nähe zur Kunst. Um seinen Lebenstraum zu verwirklichen, befreit er sich früh aus der dörflichen Enge. Der Weg von den ersten Pinseln, für die er Tierhaare an Stöcke bindet, bis zur künstlerischen Ausbildung in Ankara ist hindernisreich und lang, doch er beschreitet ihn mit der ihm eigenen Konsequenz…
… Im Rückblick auf vier Jahrzehnte seines künstlerischen Schaffens, sieht man heute eine internationale Künstlerkarriere, der die verdiente Anerkennung nicht versagt geblieben ist. Weltweit zählt Mehmet Güler zu den Angesehensten und Erfolgreichsten unter den zeitgenössischen Künstlern türkischer Abstammung. Liest man in seinen Bildern, so erkennt man, dass dieses Künstlerleben nicht zwischen, sondern durch zwei Kulturen geprägt wurde. Er hat in Deutschland zwar eine neue Heimat gefunden, doch es ist ihm bewusst, dass zu den Wurzeln, die ihn tragen, auch jene gehören, die ihn Zeit seines Lebens mit dem Land seiner Geburt verbinden werden.
So sind seine Werke, ganz gleich ob Öl, Acryl oder Zeichnung, ob Holzschnitt, Radierung oder seit einigen Jahren auch Holzskulptur, Zeugnisse eines interkulturellen Lebens und Schaffens, das in der Auseinandersetzung mit den Menschen und ihren Daseinsbedingungen in Anatolien ein zentrales Thema gefunden hat. Dabei vermeidet Mehmet Güler jegliche Mystifizierung. Niemals unterliegt er der Gefahr, in nostalgische Schwermut zu verfallen. Der Künstler gewährt zwar Einblicke in die Welt seiner Empfindungen, doch es liegt ihm fern, zu belehren, zu klagen oder zu richteten. In allen Schaffensphasen bleiben seine Arbeiten Schaustücke, niemals sind es Lehrstücke.
In der Zeit unserer ersten Begegnungen vor mehr als fünfunddreißig Jahren, waren seine Arbeiten sehr erzählerisch und stark im Figürlichen verhaftet. In weiten, flächig aufgebauten Landschaften, angelegt in morbiden, zu meist erdgebundenen Farben zwischen gelb, braun und schwarz, wuchsen dunkle, verschleierte, fast ausnahmslos weibliche Gestalten aus dem Boden. Schweigend, unbeweglich und in ihr Schicksal ergeben, umgab sie eine isolierende Hülle der Einsamkeit.
In diesem Teil der Welt wurden sie geboren, hier müssen sie sich den Herausforderungen ihres Daseins stellen, und in diese Erde werden sie schließlich zurückkehren, wenn die ihnen gegebene Zeit abgelaufen ist. Sie wissen um das unumstößliche Gesetz des Kommens und Vergehens, dem alles Irdische unterworfen ist. Obwohl in Form und Typus erkennbar, sind diese Gestalten niemals Abbild, sondern stets Sinnbild. Diese Werke sind eine Verneigung Mehmet Gülers vor den Frauen Anatoliens, vor den Müttern, die Leben, Schutz und Wärme verheißen.
Im Laufe der 80er Jahre verändern sich die Bilder. Geblieben sind die delikate Farbigkeit und die thematische Auseinandersetzung mit seiner Heimat. Nach wie vor geht es um die Menschen, um ihre Daseinsbedingungen und um ihre Traditionen. Mehr und mehr jedoch entwickelt sich ein Temperament, das diese Arbeiten von den früheren unterscheidet.
Immer deutlicher tritt ein Thema in den Vordergrund, das ihn immer schon beschäftigt hat. Es ist das Aufeinandertreffen zweier Welten mit unterschiedlichen Kulturen, grundsätzlich anderen Lebensbedingungen und eigener Geschichte. In das Leben derer, die verwurzelt in ihrer Tradition, ihren täglichen Existenzkampf zu bestehen haben, die elementaren Herausforderungen trotzen müssen, drängt sich eine fremde Kultur. In hartem Kontrast werden den dunklen, verhüllten Silhouetten helle, unbekleidete Frauenkörper gegenüber gestellt. Sie stehen für den westlichen Tourismus, oder präziser, für westliche Touristinnen, die für kurze Zeit ihrem Alltag entfliehen, um Sonne und Freiheit zu suchen, und dabei die Grenzen zwischen den Kulturen überschreiten. Sie bedrohen das Gleichgewicht einer scheinbar festgefügten, traditionsverhafteten Ordnung.
In dem Maße, in dem er dieses Thema zuspitzt, verändern sich auch Bildaufbau und Farbspektrum. Die fast geometrisch klare Gliederung der Leinwand tritt zurück, zu Gunsten neuer, bis dahin kaum eingesetzter Farben, die zwar dynamisch und kraftvoll, nie aber unkontrolliert aufgetragen werden. Zunächst ist es ein leuchtendes Blau, in der Folgezeit bestimmen zusätzlich Rot und Gelb die Grundstimmung der Bilder. Die Härte ihres Nebeneinanders ist ebenso auffällig, wie das Schwinden der Konturen.
Immer stärker nähert Mehmet Güler sich den Grenzen der Abstraktion, ohne sich jedoch vollständig von der Beschreibung der Wirklichkeit und von der Figuration zu lösen. Die menschliche Gestalt, mit der wir aus seinen frühen Werken bereits vertraut sind, wird zwar reduziert und aufgelöst, doch niemals verschwindet sie in Gänze. Mehr und mehr wird das Auge dazu aufgefordert, die vom Künstler zurückhaltend angelegte Figur aufzuspüren, zu vollenden und den Kontext ihrer Darstellung zu entschlüsseln.
In dem er Textfragmente von Klassikern der türkischen und der deutschen Literatur, die sich nur bruchstückhaft lesen lassen, unter den Farbschichten verbirgt, schlägt er eine Brücke zwischen der Sprache seiner Bilder und der des Wortes. Abermals fordert er dazu auf, das Sichtbare zu dechiffrieren, ganz so, wie er es auch mit den figürlichen Elementen tut.
In den Folgejahren setzt sich dieser Weg von der thematisch bestimmten Arbeit zur Kraft der Farbe fort. Zwischen einem Blau, das Freiheit signalisiert und Wasser assoziieren lässt und der Hitze eines glühenden Rot erforscht Mehmet Güler die Möglichkeiten, sich in einer Sprache zu artikulieren, die aus Formen, Flächen und vor allem aus Farben besteht. Es scheint, als könne er die Gefangenschaft in den zwei Dimensionen der Leinwand sprengen, doch er ist ein Sprengmeister, der den Farbrausch kontrolliert und die Folgen der Explosion beherrscht. Die Wirkung dieser Sprengungen steuert und kalkuliert er genau. Selbst wenn er erlebnishungrig und von dem Drang zum Experiment getrieben, scheinbar spielerisch mit Farbe, Flächen und Formen jongliert, die Bilder haben nichts Zufälliges. Auch die Details müssen seiner kritischen Überprüfung standhalten.
„Jedes Bild ist ein Erlebnis, ich muss auf der Leinwand spielen und ausprobieren. Dabei bin ich ständig auf der Suche nach Neuem.“ So sagte mir Mehmet Güler im Jahr 2004 während eines Gesprächs über seine Arbeit. Wir dürfen gespannt darauf sein, welche Fundstücke er auch künftig von seinen Erlebnisreisen auf der Suche nach Neuem mitbringen wird.
Thomas Hengstenberg, Unna 2014

