2014, Prof Dr Frank Günter Zehnder_Aus dem Buch IM RAUSCH DER FARBEN, D, Website

Von der Kraft der Farbe                                                                                                                     

Zur Malerei von Mehmet Güler 2014

Prof. Dr. Frank Günter Zehnder / Direktor a. D. Staatliche Museen Bonn

 

Bei den Bildern von Mehmet Güler kann man sich kaum irren. Sie sind unverwechselbar, ihre Handschrift ist stets eindeutig und wiedererkennbar. Seine Bildsprache durchlief über die Jahre – wie alle großen Oeuvres – manche Wandlungen in inhaltlicher, formaler und prozessualer Hinsicht, aber sie behielt sozusagen ihre Grundtonart, ihren Duktus und ihre unmittelbare Ansprache. Sie hat Eigenarten und Grundlinien, die sie von den frühen Holzschnitten bis zu den aktuellen Ölbildern über Jahrzehnte hinweg zusammenschließen. Seine Kunst ist weder gedankenlos noch kopflastig, sie beansprucht sowohl das intellektuelle Verständnis als auch sehr direkt die Empfindung und Einfühlung. So setzen die jüngsten, beinahe glühenden Bilder Signale und wecken die Neugier, sie beanspruchen eine intensive Betrachtung bis ins Detail und führen zum konzentrierten Durchlesen der Bildflächen. Die Bildwelt dieses Malers ist ein eigener Kosmos mit individuell entwickelten Gesetzen, die fern jeder Starrheit alle Freiheit für jeweils eigene Akzente lassen. Wer sich auf sie einlässt, öffnet gewissermaßen Fenster und Türen für eine Begegnung mit existenziellen Aussagen und mit der anstürmenden Wucht der Farben. Das setzt sich bei den Betrachtern fest und bildet die grammatische Grundlage für jede weitere Auseinandersetzung mit seiner Kunst.

Diese ist völlig autonom und immer auch authentisch. Sie ist aus seinem Charakter, aus seiner Lebensgeschichte und aus seinen künstlerischen Talenten heraus entwickelt, sie ist zugleich unlösbar verbunden mit den seit Jahren strömenden Form- und Farbprozessen. Ihre Eigengesetzlichkeit  ist nicht Zufall, sondern Ergebnis eines unaufhörlichen Kampfes zwischen Erfahrung und Vision. Mehmet Güler registriert feinnervig – beispielsweise in den Bildern zum Thema „Traumbaum“ oder „Blau genießen“- die Schwingungen zwischen Wirklichkeit und Erscheinung, zwischen Sehen und Erkennen, zwischen Wahrnehmung und Reflexion. So steht in seinem bisherigen Schaffen die Erfahrung von Welt der Sammlung von Eindrücken ebenso gegenüber wie die persönliche Stellungnahme der Formulierung einer allgemeingültigen Quintessenz. Temperamentvoller Farbauftrag fügt sich zu abgewogener Komposition. Aufmerksames Zuhören und intellektuell anspruchsvolle Argumentation spiegeln in den Bildern seine vielseitigen interkulturellen Erfahrungen. Sein Weg vom Dorf in die Welt und von der Einfachheit zur Hochkultur bedeutete zugleich den Verlust von Heimat wie den Gewinn von Weltläufigkeit. Was sich bis heute in seiner Kunstsprache hält, das sind seine Urbilder, die sich auf Menschen, Farben, Situationen und frühe Prägungen der Heimat stützen.

In den Bildern Mehmet Gülers verbinden sich auf homogene Weise Themen und Inhalte mit Formen. Geschichte, Gegenwart und Zukunft greifen sinnstiftend ineinander, Ästhetik und Ethik treten ähnlich zueinander wie ein formbedingter Vordergrund und die geistige Hintergründigkeit. Ein Kennzeichen der Kunst von Mehmet Güler ist die Balance von Gefühl und Verstand sowie von Vision und Analyse. Erlebtes und Gedachtes finden wie die Zeiträume von Heute und Morgen zueinander. Deshalb erscheint seine Kunst fast als zeitlos und zugänglich für die affektive wie kognitive Wahrnehmung. Diese Art des Bildermachens ist frei von jeder Routine, von jedem Fanatismus, von jeder Ideologie und Agitation. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes Freie Kunst.

Seine Gemälde und Grafiken haben eine charakteristische ästhetische Schreibweise, die mit einem kleinen Alphabet große Stücke schreibt. Erhebliche Partien der Bilder erscheinen wie Farbflächenmalerei und leben bewusst nicht von irgendwelchen perspektivischen Raffinements. Da finden sich kein Fotorealismus, keine Collage-Technik und kein Illusionismus. In diesem Geflecht von Makro- und Mikrokosmos nehmen Komposition, Farben und Strukturen stets neuen Anlauf…

Durch alle Bilder zieht sich der Rausch des Malens ebenso wie der kritische Blick, wenn der Malvorgang denn vorüber ist. Über die Jahre hinweg werden seine Farben immer glühender, auch wenn sie nicht von Hitze und Strand sprechen. Immer wieder spürt man den Kampf ums treffende Kolorit, wenn er reine Farben unvermischt setzt oder sie in Mischungen mit hinein nimmt. So werden Farben, Bewegungen, die Komposition und der Farbauftrag zu Interpreten der persönlichen Sicht, einer undefinierten Sehnsucht, der Beschreibung oder der persönlichen Weltveränderung. Alles ist möglich, es drängt und stürmt, es strebt und sinkt, es lastet und schwebt, Körper- und Seeleneinsatz bedingen einander. Selbst eine zum Grau hin tendierende Farbigkeit bietet noch viel Raum für unterschiedliche Akzente, für Ruhe und Dramatik.

Das suchende Arbeiten Mehmet Gülers steht im Gegensatz zu jedem programmatischen Malen. Es ist eher ein Forschungsprozess ohne Wiederholung, der Themen in die Tiefe und Breite auszuloten und auszureizen versucht, der nie an ein endgültiges Ende gelangt, sondern auf seinem Weg unablässig neue Entdeckungen macht. So stehen Prozess und Produkt in einem dynamischen Verhältnis zueinander, das unerwartete Ergebnisse mit sich bringt. Dazu zählen vor allem die jüngeren Arbeiten, die sich dem Verhältnis von Orient und Okzident oder der Poesie – türkischer und deutscher – widmen. Ob Heine, Rilke oder Goethe, die Gedanken, Verse und Farben greifen ineinander und bilden eine Bildwelt mit unterschiedlichen Dialekten. Mal erlebt man ein Epos, mal ein Poem, mal Gedankentiefe , mal die Breite der Gefühle, die entsprechenden Texte lassen sich durch die lasierend aufgetragene Farbe oft noch lesen, – das ist aber nicht das Wichtigste, sondern ihre reine Existenz zählt. Den vor Farbenlust tobenden Bildern merkt man an, dass Thema und Wortsinn den Maler packen. Es ist ein Transskript in die Farbe. Der Malprozess füllt ihn voll aus. Es ist Leidenschaft, die über die Bildanlage hinweg die Farbe geradezu explodieren lässt.

Eine in diesem Sinne besonders eindrucksvolle Arbeit ist das großformatige Bild aus dem Jahr 2011 „Wer sich selbst und andere kennt“. Mit dem zugrunde liegenden Text von Johann Wolfgang von Goethe (West-östlicher Divan) „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“ äußert Mehmet Güler als Wanderer zwischen den Kulturen in freier Malerei seine Wahrnehmungen, Gedanken und Empfindungen zum Verhältnis von gegenseitigem Respekt, von Beharrung und Entwicklung. In solchen Bildern fließen Temperament und Kontemplation grenzenlos ineinander, sie sind höchst authentische Manifestationen seiner selbst. Mit Leuchtkraft, Mystik, Reduktion, Farbfeldern, informeller und gestischer Malerei, mit einer unstillbaren Lust an Farben, Licht und Leichtigkeit lässt Mehmet Güler uns immer wieder teilhaben am Kern und an der Kraft seiner Bild gewordenen Vision: der Begegnung von Menschen und Überzeugungen, von Kontinenten und Traditionen. Seine Malerei ist etwas Unbedingtes und Packendes.

Prof. Dr. Frank Günter Zehnder, Kulturamt Unna, 2014

Aus dem Buch „IM RAUSCH DER FARBEN“

 

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